Weihnachtsblog - Über Pseudowissenschaft und Wissenschafts-Voodoo

Mit Dr. Petra Lauxmann-Melchinger

Nachdem ich diese Europakarte auf der Website einer skandinavischen Ingenieurfirma entdeckt habe, wollte ich zunächst im diesjährigen Weihnachtsbeitrag meine Sammlung skuriller “Wissenschafts-Fails” vorstellen. Immerhin ist diese Karte ein richtiger Hammer, und ich bin mir noch nicht im Klaren darüber, ob sie nun Ausdruck von Unwissen oder Islamfeindlichkeit ist. Die Türkei ins Meer heruntergekurbelt, die ganze Ostküste des Mittelmeeres samt Syrien, Israel und allen anderen regionalen Staaten mitgerissen, und Armenien hat jetzt eine Mittelmeerküste mit ein paar tollen Seebädern (die freuen sich sicher!).

Das Kaspische Meer ist zu einem Meerbusen verkommen. Aber was für einen Zweck hat es, ständig auf die Werbebranche einzudreschen? Das hatten wir schon… Daher geht es dieses Jahr um einen anderen Lieblings-Aufreger von mir und meiner Coautorin Dr. Petra Lauxmann-Melchinger - die Pseudowissenschaft.

Definition

Pseudowissenschaft muss von “schlechter Wissenschaft” und den Parawissenschaften unterschieden werden, auch wenn die Begriffe nicht ganz konsequent verwendet werden:

  • Bad Science umfasst nach der Darstellung von A. B. Fraser, Professor emeritus für Meteorologie an der Penn State University, falsche, jedoch extrem zählebige wissenschaftliche Vorstellungen, etwa die, dass beim Schlittschuhlaufen durch den Druck der Kufe das Eis schmilzt, so dass der Schlittschuh auf einer Wasserhaut gleiten kann (warum versinkt die Kufe dann nicht im Eis, wenn man stillsteht?). Es handelt sich einfach um Nachlässigkeiten oder Fehler, aber nicht um betrügerische Absicht oder ein nicht-wissenschaftliches Bezugssystem.
  • Parawissenschaften beschreibt Esowatch  als Bereiche, die sich außerhalb der Wissenschaft befinden: Entweder, weil es sich um ein sehr frühes Stadium handelt und die Gedankengebäude später doch noch Bestandteil der anerkannten Wissenschaft werden. Oder, weil “… Theorie und Praxis [der Parawissenschaft] weitgehend auf illusionärem Denken beruht.”
  • Als Pseudowissenschaft bezeichnet man hingegen Theorien, die nur äußerlich - vor allem durch den Sprachgebrauch und die Art ihrer Darstellung - Wissenschaft ähneln, aber einer Überprüfung nicht standhalten. Oft genannte Beispiele sind der Marxismus, die Astrologie und die Psychoanalyse (sic!). Betrugsabsicht muss nicht zwangsläufig dahinterstecken.
  • “Junk Science” hingegen wird von Interessengruppen zur Durchsetzung eigener Interessen durchgeführt oder finanziert. Es kann sich dabei um Pseudowissenschaft oder um “Minderwissenschaft” handeln, d. h. Untersuchungen, die durch gezieltes Design und Weglassungen von vornherein darauf angelegt sind, ein gewünschtes Ergebnis hervorzubringen. Gerade auf dem Gebiet obskurer Heilmittel (auch der Zeolithe) ist anscheinend die Versuchung groß.

Zahlreiche Wissenschaftstheoretiker haben sich mit dem Thema beschäftigt, die bekanntesten vielleicht Langmuir und Popper. Einige Interessante Webartikel zum Thema:

  • Pseudowissenschaft” auf Esowatch
  • Pseudowissenschaft” auf Wikipedia diskutiert ausführlich über die Abgrenzung zur Wissenschaft, die nicht so einfach ist, wie man denkt.
  • Linkliste des Astronomieprofessors K. T. Korista, der viele schlechte Beispiele über Wissenschaftsangst, mangelndes Verständnis darüber, was Wissenschaft ist und wie sie funktioniert, und anderes mehr vor allem in den Medien gesammelt hat.  Von der Website stammt auch der (von mit übersetzte) Cartoon. (Originalansicht)

Intelligent design, intelligent falling

Beispiele

  • Der Atomstromfilter: Sie bezahlen einen Aufpreis für Ökostrom, aber wie stellen Sie sicher, dass Sie auch welchen erhalten? (Die Übersicht über die Kategorie “Verriss des Monats” enthält viele, aber nicht ausschließlich, Produkte mit Pseudowissenschaftlichem Hintergrund.)
  • Für Eltern und alle, die noch mal etwas lernen müssen: Über “Brain Gym” oder Gehirngymnastik im Wissenschaftsblog “Astrodicticum Simplex”. Das ist nicht etwa Gymnastik mit dem Gehirn, sondern für das Gehirn.
  • GWUP e. V.: Die Website der “Gesellschaft zur wissenschaftlichen Untersuchung von Parawissenschaften” ist ein Klassiker. Die Skeptiker äußern sich zu so ziemlich allen unerklärlichen Phänomenen und bizarren Theorien (Übersicht).
  • “Wissenschaft versus Parapsychologie”: Der Physiker Marcus Haas schreibt über den “Leidensweg” der Parapsychologen mit dem empirischen Beweis ihrer Theorien. Auf den anderen Seiten seiner Website geht er auch auf bizarrere Theorien, wie das Innenweltbild oder die 9/11-Verschwörung, ein.
  • Und weil’s so schön ist: Von einem ziemlich verschwurbelten “Diskussionsforum über alternative Ideen” stammt die folgende Karte der Hohlwelt. Wie das funktioniert? Nun, in der Nähe der Binnensonne sinkt z. B. die Lichtgeschwindigkeit gegen Null, und alle Lichtstrahlen außer denen exakt durch den Mittelpunkt bewegen sich auf Kreisbahnen durch den Mittelpunkt. Mal schauen, ob die Reiseveranstalter für 2012 entsprechende Fahrten im Programm haben…

Hohlwelt mit Binnenkosmos, Quelle: abovetopsecret.com

Aus unserem Berufsalltag

Den Autorinnen selbst begegnet am ehesten Junk Science, nämlich die Anfrage, die eine oder andere unbeweisbare  oder schlicht falsche Tatsache so herzuleiten, dass sie wissenschaftlich fundiert wirkt. Zum Glück verabschieden sich solche Anfrager meist, wenn ihnen klar gemacht wird, wie die Untersuchung durchgeführt und wie die möglichen Ergebnisse - positive oder negative - ausfallen könnten.

Entgiftung mit Zeolithen: Die Behauptung, dass Zeolithe das Quecksilber einer Amalgamvergiftung aus dem Körper ziehen, ist relativ direkt zu beweisen oder zu widerlegen - allerdings nicht am Schreibtisch. Nötig dazu sind Probanden mit erhöhten Quecksilberspiegeln in Blut bzw. Speichel und die Untersuchung des ausgeschiedenen Zeolithen vieler, vieler Stuhlproben auf Quecksilber. Das war dem Interessenten wahrscheinlich nur zu teuer, wir möchten nicht unterstellen, dass er das Ergebnis gefürchtet hat. Sicherlich “hilft” Klinoptilolith bei amalgamassoziierten Beschwerden - da es offenbar keinerlei Korrelation zwischen den Quecksilbergehalten in den Körperflüssigkeiten und berichteten Beschwerden gibt.

Wünschelrutengehen: Wie M. Haas auf seiner oben erwähnten Website erklärt, findet man in Deutschland auf 92% der Fläche Grundwasser in Bohrtiefe. Zudem fließt das Grundwasser eben nicht in Adern, sondern in breitflächigen Strömen. Somit haben deutsche Wünschelrutengänger einen leichten Stand: Ob sie ihre Rute hier oder fünf Meter daneben zucken lassen, Wasser gibt es fast sicher. Allerdings drücken sie sich bislang vor empirischer Überprüfung in trockeneren Gebieten - dann doch lieber eine theoretische Erklärung bemühen: Wenn die angefragte Wissenschaftlerin - als Chemikerin - dergleichen ablehnt und auch keinen willigen Geologen aus dem Ärmel zaubern kann oder will, wird das eben als Inkompetenz abgetan.

Belebtes Wasser (”Granderwasser”) : J. Grander hat seine Anweisung, wie Wasser zu beleben sei, direkt von Jesus empfangen. Erich Eder, Lehrbeauftragter der Uni Wien, hat eine ganze Website zur Aufklärung verfasst (mit einer Humor-Seite). Als Chemikerinnen müssen wir sagen, dass jede “Ordnung”, die flüssigem Wasser aufgezwungen würde, nach Sekundenbruchteilen schon wieder verloren wäre, mithin ein “informationshaltiges” Wasser nicht möglich ist.

Das hält natürlich eingefleischte Granderwasser-Fans nicht zurück. Einer von ihnen (auf der Suche nach Handelsvertretern für diese Geräte)  berief sich z. B. auf die Tatsache, dass Schwimmbad­wasser, das auf solche Art aufbereitet sei, nur die Hälfte an Chlor bräuchte wie nicht levitiertes, nur gechlortes Wasser. Daraus könne man doch die Effektivität des Verfahrens am besten erkennen!

Nun erklärt die Wasserchemische Gesellschaft zwar stets, die Chlordosis in Schwimmbädern sei viel zu hoch und die Hälfte bis ein Drittel würde für die angestrebte Senkung der Keimzahl völlig genügen, aber dies Argument wurde anscheinend nicht assimiliert: Statt dessen wurde die Chemikerin weiterhin bedrängt, doch den Vertrieb dieser Geräte zu übernehmen. Auf die Anmerkung, das sei für einen Naturwissenschaftler vielleicht nicht ganz das Richtige, hieß es nur verständnislos:  ”Warum? Ich denke, sie arbeiten doch rund ums Wasser? Sie sind doch Fachfrau, deshalb sind Sie genau die Richtige dafür!”

Von Kalkstein und Menschen: Eine der Autorinnen hatte einmal einen Logiergast, der ihren gesamten Vorrat an destilliertem Wasser austrank. Das stellte sich just dann heraus, als die Hemden von Hausgast und Ehemann für den abendlichen Ausgang gebügelt werden sollten - kein Tropfen Destwasser mehr im Hause! Ja, zu Hause habe er einen Destillierapparat, verkündete der Hausgast, denn das kalkhaltige Wasser sei zu ungesund zum Trinken. Man sähe ja an den Haushaltsgeräten, wozu das schlechte, kalkhaltige Wasser führe. Dazu fällt uns nur noch Ephraim Kishon ein: “Die Waschmaschine ist auch nur ein Mensch!”

Die Theorie, dass Calcium aus “lebensfeindlichen”, weil anorganischen Quellen, vom Organismus nicht aufgenommen werden kann, begegnet den Autorinnen relativ oft.  Um Calcium zu verwerten, müsse es aus teuren Nahrungsergänzungsmitteln stammen. Die andere Variante der Kalktheorie ist die aus der “Diamond-Diät” (einer ziemlich extremen Kombination von Trenn- und Rohkost), die behauptet, Calcium aus Milch wäre nicht verwertbar, weil das Casein der Milch, an welches das Calcium gebunden sei, im Magen zu einer festen, quarkähnlichen Masse ausfalle, aus der Calcium nicht mehr freigesetzt werde.

Toll, kann man da nur sagen - ein Lactobezoar! Schon mal was davon gehört, dass man Eiweiß verdauen kann? Woher soll man dann das nötige Calcium beziehen? Natürlich aus grünen Blättern - da bekommt die Kuh ihres schließlich auch her.

Lassen Sie sich von solchen Theorien nicht das Weihnachtsmenü verderben! Wir wünschen Ihnen ein frohes Weihnachtsfest (mit verwertbarem Calcium) und ein gesundes, erfolgreiches neues Jahr. Ohnehin sind wir überzeugt, dass niemand den Lesern dieses Blogs Treibstoffantennen, Anti-Erdstrahl-Barrieren und pflanzliches Viagra verkaufen kann.

Herzlichst Ihre

Claudia Arnold
Petra Lauxmann-Melchinger

2 Responses to “Weihnachtsblog - Über Pseudowissenschaft und Wissenschafts-Voodoo”

  1. Dr. Claudia Arnold Says:

    Offenbar macht der Wordpress Hash-cash-Spamfighter keine halben Sachen oder kennt selbst die Lösungen zu den mathematischen Prüffragen nicht, mit denen er Mensch von Maschine zu unterscheiden versucht. Daher hier der Kommentar eines Lesers, der mich per E-mail erreicht hat:

    “Liebe Autorinnen,
    habe mich gerade köstlich amüsiert und ganz besonders über die netten Beispiele aus dem Berufsalltag. Und nur zur Info: das Beispiel mit dem Atomstromfilter ist trotz des Erfolg versprechenden Ansatzes satirisch gemeint (http://www.nucleostop.de/impressum.html”)
    Viele Grüße aus Mainz,
    Andreas Hahn

    Vielen Dank für den Tipp! Ich kenne die Seite schon recht lange und bin auch (vor einigen Jahren) probehalber einmal in den Bestellprozess eingestiegen, immer in der Erwartung einer Art “Ätsch, reingefallen!-Seite”. Zumindest damals ging die Bestellung ganz regulär durch - bis ich vor der Eingabe der Kreditkartennummer die Nerven verloren habe und ausgestiegen bin. Nicht, dass mir am Ende noch so ein Ding geliefert wird (obwohl, es wäre ein nettes Geschenk für den Elektroniker). Daher kam meine Einschätzung, dass es sich doch um Abzocke, nicht um Satire handelt. Man sollte eben doch das Impressum beachten…

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